Zwei Legenden gehen in Pension
03. 07. 2026
Gleisgeschichten | Der 4020er und sein „Mädchen für alles“ – Johann „Knasi" Knasmillner, beenden gleichzeitig ihren Dienst.
03. 07. 2026
Gleisgeschichten | Der 4020er und sein „Mädchen für alles“ – Johann „Knasi" Knasmillner, beenden gleichzeitig ihren Dienst.
„Das Fahrzeug ist der Star, net i!“, stellt Johann „Knasi“ Knasmiller unmittelbar klar, als wir ihn in der Werkstätte der ÖBB-Technische Services GmbH in Wien Floridsdorf besuchen.
1985 auf die Eisenbahn gekommen, hat sich der gelernte Elektroinstallateur über die Jahrzehnte ein unheimliches Wissen zu jenem Triebwagen angeeignet, der für viele so sehr zum Bild der Wiener Schnellbahn gehört wie das Riesenrad in den Prater. 120 Garnituren wurden vom 4020er produziert, in den 48 Dienstjahren brachte ein durchschnittlicher 4020iger rund 5 Millionen Kilometer auf Schiene – das sind in etwa 120 Erdumrundungen. „Und das wohlgemerkt im ständigen Stop-and-go“, betont Knasi.
Vor Knasi ist kein Fehler sicher.
Am Anfang setze Knasi als Facharbeiter am Fahrzeug die Durchführung konkrete Arbeitsaufträge um. Mit der Zeit eignete er sich eine Menge Wissen an und wurde DIE Ansprechperson und Fachmann für alles, was das Fahrzeug betrifft, sowohl pneumatisch wie elektrisch. Von 1995 bis 2003 war er Werkführer, seit 2013 ist Knasi im Engineering & Innovation als Kompetenzträger und damit in seinen Worten „Mädchen für alles“: Ob bei einer spontanen Fehlersuche oder im Zuge der in der Vergangenheit zahlreichen planmäßigen Um- und Einbauten von Technik und Interieur – Knasi weiß Bescheid und schupft auch die damit einher gehenden Verwaltungsabläufe. Die Liste an Dingen, die am 4020er mit der Zeit und durch den rasanten Werdegang der Technik hinzu kamen, ist lang: Kopfstützen, Vakuum-WC, Zugfunk, punktförmige Zugbeeinflussung (ein Zugsicherungssystem, welches die Einhaltung von Signalen und Geschwindigkeiten überwacht), automatische Türsteuerungen, die Zugbildeüberwachung NBÜ, Vorheizanlage, Lautsprechertest – Knasi war überall mittendrin statt nur dabei. Ersatzteile zu bekommen wurde in den letzten 10 Jahren immer öfter zur „MacGyver Situation“, aber Knasi findet immer eine Lösung, was er in seiner bescheidenen Art quittiert mit: „Jo mei, ein anderer spielt halt mi der Modelleisenbahn, ich hab halt mit der Großen gespielt.“
„Auch wenn immer wieder mal andere Flotten dazu gekommen sind wie der TALENT, bin ich immer zurück zum 4020er. Der war wie ein Magnet. Man könnt‘ fast sagen, dass ich jede Schraube persönlich kenne“, schmunzelt Knasi, der den 4020er auch als seine zweite Heimat bezeichnet. Bei aller Verbundenheit ist er gleichzeitig Realist genug, um zu erkennen, dass das Fahrzeug den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügt. Er nennt ein paar Schmerzpunkte: „Die Naturklimaanlage, der nicht barrierefreie Einstieg und wenn du eine kleine Drossel einbauen willst, musst du vorher den halben Wagen zerlegen – so ist das eben bei einem Oldtimer! Aber: Hier bin ich Herr der Technik, bei modernen Fahrzeugen ist das fad, hier liest man ja nur aus dem Fehlerspeicher aus und das wars.“
Am 3. Juli 2026 tritt der 4020er vom ÖBB Dienst zurück. Knasis Pensionsbeginn folgt im September und bis dahin will noch einiges an Überstunden und Resturlaub aufgebraucht werden. Die „gleichzeitige Ausmusterung“ macht ihm dem Abschied leichter, tut aber „schon im Herzerl weh.“ Eines steht fest: Hier treten zwei Ikonen ab, die immer da waren, wenn sie gefragt waren. „Der 4020er ist der Aussireisser wenns wo Probleme gab. Er war immer da. Dankbar. Täglich. Das zeichnet ihn aus“, schildert Knasi. Und das ist wohl eine weitere wesentliche Parallele zwischen dem Zug und seinem Kompetenzträger: die Verlässlichkeit.
Wenn Knasi in den Ruhestand übertritt, werden seine 3 Enkelkinder dafür sorgen, dass ihm nicht fad wird. Von den noch übrigen 27 4020 Garnituren werden 25 in einem Bieterverfahren verkauft, 2 werden zu Forschungszwecken mit ETCS ausgerüstet und noch 2 Jahre für Testfahrten verwendet. So mancher Einzelteil aus einer 1.300 Zeilen umfassenden Materialliste wird in anderen Zügen weiterleben – wie etwa das Stirnlicht, das in den 5047er Dieseltriebwagen eingebaut wird. Der 4020 als Ganzes hat längst Geschichte geschrieben.
Doppelter Abschied mit Wehmut: baba 4020, baba Knasi.
Gibt es einen Liebling unter den 4020er Garnituren? Ja, das war der 2-42-er, mein Forschungs- und Experimentierfahrzug. Auf dem habe ich alle Neuerungen für die Flotte als erstes ausprobiert.
Was schätzt du am 4020 besonders? Das Flair, die Laufgeräusche, die bequemen Sitze.
Ein paar Worte zum Design: Eckig ist schöner als rund!
4020-Highlight: Der Discozug zum 100-Jahre-Jubiläum. Der hat alles übertroffen!
Das Gleisgeschichten-Team v. l. n. r.: Gleisgeschichten-Videograf Markus Riedl, Gleisgeschichten-Redakteurin Kathi Helm, Knasi, Konzernkommunikation-Praktikantin Michelle Kielhorn, Kameraassistent Philip Niessner
Ob wie hier am Dach oder ...
… unten mit Blick auf das Fahrgestell: Für Knasi bleibt es bis zum letzten Moment spannend, mit dem 4020 zu arbeiten.
Auch Schreibtischarbeit gehört dazu.
Zwischen Checklisten und Produktbeschreibungen versteckt sich ein Fußball WM-Spielplan.
Bei der Hauptausbesserung 1998 – 2007 kam der schwimmende Holzfußboden kurz mal raus, um umgeben von neuem Belag und Design wieder einzuziehen.
Keep cool: Der Kühlschrank war nicht Teil der zahlreichen Nachrüstungen im 4020, er befindet sich seit Anfang an im Steuerwagen.
Felgenschonende Fahrradaufhängung dank Gartenschlauchzweckentfremdung: ein Beispiel für Knasis Improvisationstalent.