Eine Goaß- und Gleisgeschichte
08. 08. 2026
Es ist eine Gleisgeschichte der untypischen Art, denn sie bietet Ziegen statt Züge und Schafe statt Schienen. Besuch bei vierbeinigen Landschaftspfleger:innen „unter Strom“.
08. 08. 2026
Es ist eine Gleisgeschichte der untypischen Art, denn sie bietet Ziegen statt Züge und Schafe statt Schienen. Besuch bei vierbeinigen Landschaftspfleger:innen „unter Strom“.
Vanilla und Katy sind die ersten, die ihre Sommerweide – eine 3,5 Hektar große Fläche im Wienerwald – beziehen. Sie sind eine Mischung aus Buren-, Saanen- und Deutscher Edelziege. Kurz nach ihrer Ankunft werden die braun-schwarzen Pinzgauer gebracht, u. a. genannt Wumpus, Dunki, Quirli, Quisi und Quexi.
Zwei Ziegenrassen, eine Aufgabe: „Ihr Job besteht nun darin, die Landschaft zu pflegen und glücklich vor sich hin grasend möglichst alt zu werden“, so Christina Nagl vom Verein Hirtenkultur. Die Biologin wird ab sofort abwechselnd mit fünf anderen Personen täglich nach dem Rechten sehen: „Wir füllen Wasser nach, prüfen, ob der Zaun in Takt ist und schauen, ob es allen Tieren gut geht. Wenn ich mich beim Beobachten der Tiere in den Schatten des angrenzenden Waldes setze, kann es passieren, dass eine Stunde wie im Flug vergeht“, so die Hirtin, die hauptberuflich in der Vogelschutzorganisation BirdLife Österreich tätig ist.
Gerade gibt es viel zu sehen: Die Rangordnung zwischen den Beweidungspartner:innen muss sich nach der Winterpause neu finden, immer wieder kommt Bewegung in die frisch zusammengewürfelte Herde. Als Hirtenkultur-Vereinsgründer Stefan McAllister-Knöpfer mit seinem Border Collie Robin dann auch noch die Schafe auf die Weide treibt, ist das „Almrudel“ komplett. „Jaja, bei den Pinzgauern haben die anderen nix zu melden, aber die Schafe bringen Ruhe rein und das ist bald eine nette, harmonische Gruppe“, schmunzelt Christina und erzählt weiter: „Im Verein Hirtenkultur haben wir insgesamt rund 150 Schafe, 30 Ziegen und 18 Esel. Wir arbeiten eng mit Betrieben und Beweidungspartner:innen zusammen, wie mit Ulla Huspeka, der die Pinzgauer Ziegen gehören. Im Sommer verteilen sich die Tiere auf unterschiedlichsten Flächen, den Winter verbringen sie auf 2 Wanderweiden bzw. in den Ställen der Beweidungspartner:innen. Hier sind wir heuer, also 2026, in unserem dritten Almjahr.“
Das weitläufige Areal ist im Besitz der Österreichischen Bundesforste, die zwei darüber verlaufenden Stromleitungen gehören den ÖBB und der Netz NÖ und müssen im Auftrag der zwei Unternehmen frei von Bewuchs gehalten werden.
Die Initiative zum Beweidungsprojekt kam von den ÖBB, die mit den tierischen Bahnstromtrassen-Pfleger:innen ein Pilotprojekt mit Biodiversitätsgedanken durchführt. „Weidetiere gestalten die Landschaft sanft. Die Ziegen und Schafe verwandeln diese Fläche in eine geordnete Wildnis: Erstere halten die Brombeerranken und andere Sträucher in Schach, Zweitere kümmern sich um die krautige Vegetation “, erzählt Christina. Mittlerweile stellt sie positive Veränderungen fest: „Langsam entsteht hier Vielfalt. Neue Pflanzen und damit neue Insekten kommen. Die Klauen sorgen für offene Bodenstellen, der Dung lockt Mistkäfer. Statt dem Neophyt Goldrute sehe ich immer mehr Disteln und Königskerzen, die sich auf der ganzen Fläche verteilen. Diese ziehen den Distelfink und viele Insekten an.“ Die Beweidung mit unterschiedlichen Tierarten hat noch einen weiteren Vorteil: Der Parasitendruck nimmt ab. Sollte doch mal eine Entwurmung notwendig sein, wird das betroffene Tier für eine gewisse Zeit von der Weide geholt und in einen Stall gebracht: „Damit die Chemie nicht über den Kot in den Boden und die dortigen Lebewesen gelangt“, so Christina. Man merkt: Hier trifft Wissen auf Achtsamkeit. „Man kann von den Ziegen alles haben, wenn man ihnen mit Ruhe, Geduld und Respekt begegnet“, sagt Christina. Das dritte Almsommerjahr ist voll im Laufen!
Gesichter zur Gleisgeschichte (v. l. n. r.): Michelle Kielhorn und Kathi Helm aus dem ÖBB Newsroom, Hirtin Christina Nagl, Nicole Sulinski und Richard Richter von der ÖBB Infra, Ziegen- und Schafbauer Herbert Siegmund, GG-Videograf Markus Riedl von News on Video
Border Collie „Robin“ Aug in Aug mit seiner Arbeit.
Blüten locken Wildbienen …
Mist lockt Mistkäfer …
… und Hirtin Christina lockt die neugierigen Ziegen!
Video: News on Video/Markus Riedl
Fotos: ÖBB/Michelle Kielhorn, Kathi Helm, News on Video/Markus Riedl