Gleisgeschichten: Christian, der Zugzeichner
03. 05. 2026
Heute schon einen Zug gezeichnet? Von einem steirischen Urban-Sketcher mit Hang zur Bahn als Motiv.
03. 05. 2026
Heute schon einen Zug gezeichnet? Von einem steirischen Urban-Sketcher mit Hang zur Bahn als Motiv.
Der Wind pfeift um das Südbahnmuseum in Mürzzuschlag, Christian „Maro“ Maroschek blickt immer wieder zu einer 1040er-Lok und zeichnet sie mit flotten Strichen in ein kompaktes Buch: „Mein Zeichen-Zeugl hab ich immer bei mir, one day, one sketch“, sagt der 68-jährige Steirer. Der Eisenbahnanteil ist dabei hoch, zirka jede vierte oder fünfte Zeichnung hat mit der Bahn zu tun. „Ich bin ein Augentier, die Themen ergeben sich durchs Schauen. Und wenn mich etwas fasziniert, will ich es für mich behalten. Alles, was ich mir merken will, kommt durch das Zeichnen in mein Hirnkasterl hinein!“
Die Leidenschaft für die Bahn und das Zeichnen begannen früh: „Ich war ungefähr drei Jahre alt. Da habe ich kapiert, dass man Stifte nicht nur anknabbern kann. Dann habe ich damit gezeichnet, und das lange bevor ich die ersten Buchstaben schreiben konnte“, erzählt Maro. Sein „Eisenbahn-Opa“ legte den Grundstein für seine Zug-Affinität: „Der Opa war Schlosser bei der Murtalbahn, ich bin auf der Rückseite der Werkstätte aufgewachsen. Gemeinsam sind wir um vier Uhr früh Lokheizen gegangen. Mit zwölf Jahren hab‘ ich den Amateurlokschein auf der Stainz 2 gemacht.“
Beruflich wurde es dann doch nicht die Eisenbahn: „Ursprünglich wollte ich Zeichenlehrer werden, habe jedoch die Aufnahmsprüfung am Mozarteum in Salzburg nicht geschafft. Zum Überbrücken habe ich mit Architektur an der TU Graz begonnen, und dabei bin ich dann geblieben.“ Weil er neben dem Studium als „Zeichenknecht“ in diversen Architekturbüros arbeitete, mit seiner Jugendliebe ein Haus baute und zwei Söhne bekam, dauerte das Studium eben etwas länger, nämlich 24 Semester.
Tempo wiederum braucht es nicht nur heute beim „Urban Sketching“, sondern auch damals im Berufsleben als Architekt: „Die schnellen Detailskizzen am Mauerwerk oder an einer Schaltafel waren oft sehr nützlich. Das Freihandzeichnen hat mich im Studium gepackt und füllt mich jetzt in der Pension aus“, so Maro. Die hohe Meisterschaft der Perspektive – auch ein „Mitbringsel“ aus dem Berufsleben –beherrscht er seither im Schlaf.
Die Zeichen-Utensilien sind immer im selben Rucksack mit dabei, sein Logo trägt Maro auf der Kappe.
Das „Augentier“ Aug‘ in Aug‘ mit seinem Motiv, einer 1040-er Lok. Eine schnelle Skizze ist in 5 bis 10 Minuten fertig, diese dauert wegen der vielen Details etwas länger.
Mittlerweile sitzen wir im Railjet nach Bruck an der Mur. Maro zückt sein iPad und öffnet das Programm „Procreate“. Hier reizen ihn die elektronischen Möglichkeiten, „die riesige Palette an Effekten“. Fast schon fotografisch muten dann die Details seiner digitalen Werke an. Das Ruckeln im Railjet stört ihn bedingt. Auch die Kritik einer deutschen Urban-Sketching-Community, als er mal ein ländliches Motiv – eine Kuh – zeichnete, nimmt er gelassen. „Dann bin ich halt ein kritzelndes Enfant terrible“, zuckt er mit den Schultern.
Angekommen in Bruck an der Mur zeichnet er uns ein Schienendetail. „Wenn man sich Eisenbahn zum Thema macht, beginnt es bei der Schiene, sonst wär‘s es ja ein Bus!“, begründet er schmunzelnd seine Motivwahl, bei dem ihm vor allem die Schatten reizen.
Sieht aus wie ein Foto, ist aber eine Zeichnung am Tablet.
Zum Finalisieren eines Bildes hat Maro ein Ritual: „Zuerst bekommt das Bild einen Rahmen, dann gibt’s einen Titel und meinen Stempel mit Logo; darauf sieht man einen zeichnenden und patzenden Finger.“
Nach dem Interview steigt Maro in den Regionalzug heim in Richtung Judenburg, um dort seiner weiteren Leidenschaft nachzugehen: dem Kochen. Bevor nun manche auf ein illustriertes Kochbuch hoffen: Das wird’s wohl nicht so schnell geben, Christian zeichnet lieber Züge.
Schneller Schienen-Sketch von Maro mit den „Autogrammen“ des Gleisgeschichten-Teams.
„Ein Tag ohne Zeichnen ist ein verlorener Tag“, also ran an den Stift.
Die Klammer verhindert, dass die Seiten im Wind fliegen, der Stempel finalisiert das Werk.
Gesichter dieser Gleisgeschichte v. r. n. l.: Videograf Markus Riedl/News on Video, Redakteurin Katharina Helm/ÖBB, Praktikantin Maria Görg/ÖBB, Christian Maroschek, Kameraassistent Philipp Niessner/News von Video
Einmal im Jahr zieht es Christian nach Piran. Nicht nur wegen seiner slowenischen Wurzeln, sondern weil er in der Stadt viele Motive findet, Züge leider ausgenommen. Sechs bis acht Zeichenbegeisterte können ihn dabei begleiten – vom Anfänger bis zum Profi. Termin und Infos via Instagram oder Mail.