Wachstumschance Klimaschutz – der Bahn gehört die Zukunft

09. 06. 2020

Wer die Zukunft voraussagen möchte, der gestaltet sie am besten selbst.

Unter dieses Motto stellt Mark Topal, Leiter der Abteilung Systemtechnik und Konzernproduktion in der ÖBB-Holding AG, seine Arbeit. Er spricht über die ambitionierten Klimaschutzziele der ÖBB und seine Mobilitätsvisionen.

Herr Topal, bis 2030 möchten die ÖBB einen klimaneutralen Mobilitätssektor und bis 2040/2050 soll der ganze Konzern klimaneutral sein. Was bedeutet das?

Ein klimaneutraler Mobilitätssektor bedeutet, dass unsere angebotenen Verkehrsdienstleistungen unterm Strich keine negativen Auswirkungen auf das Klima haben.
Komplette Klimaneutralität des Konzerns ist ein zweiter Schritt und bedeutet, in allen Bereichen die Treibhausgas-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette zu betrachten und durch Maßnahmen neutral zu halten. Das schaffen wir als ÖBB nicht alleine. Hier braucht es eine europaweit abgestimmte Initiative.

Wie können wir diese Ziele erreichen?

Vom Ziel, bis 2030 einen klimaneutralen Mobilitätssektor zu erreichen, sind wir gar nicht mehr so weit entfernt. 90 % unserer geleisteten Zugkilometer finden auf elektrisch betriebenen Strecken statt. Die Energie dafür stammt zu 100 % aus erneuerbaren Quellen. Unsere Klimaschutzstrategie gibt die Richtung vor. Der stärkste Klimaschutz-Stellhebel ist aber eine signifikante Verlagerung des Verkehrs von der Straße und vom Flugverkehr auf die Schiene.

Warum ist diese Verlagerung auf die Schiene so wichtig?

Bereits jetzt ersparen wir als ÖBB dem Transportsektor in Österreich ca. vier Millionen Tonnen CO2 durch unsere Mobilitätsdienstleistungen. Hier können wir schon jetzt extrem wirkungsvolle Beiträge zur CO2-Bilanz in Österreich leisten. Allein ab 2030 sehen wir das zusätzliche Potential durch weitere Verlagerungen nochmals zwei Millionen Tonnen CO2 einsparen zu können. Das bedeutet: Jede weitere Verkehrsverlagerung ist ein Gewinn für unser Klima.

Welche Maßnahmen haben die ÖBB in der näheren Vergangenheit gesetzt?

In den letzten Jahren ist sehr viel passiert: Wir haben die Zugleistungen auf elektrifizierten Strecken auf 100 % erneuerbare Energien umgestellt, wir betreiben eigene Wasserkraftwerke und haben das Angebot der ÖBB attraktiver gemacht. Fahrzeitverkürzungen durch Streckenausbauten wie beispielsweise St. Pölten – Wien um 20 Minuten oder der Ausbau neuer Produkte wie der Nightjet bringen neue Kunden auf die Schiene. Außerdem haben wir zusätzlich auch unsere Gebäude weiter saniert und damit energiesparender gestaltet.

Welche Bedeutung haben die ÖBB im Kampf gegen die Klimakrise?

Eine der zentralsten Fragen der Klima-Krise lautet: Wie ist die Klimawende im Verkehrsbereich zu schaffen? Derzeit fehlen Österreich im Verkehrsbereich zur CO2-Zielerreichung bis 2030 immer noch etwa 8 Mio. Tonnen CO2. Hier liegt aber auch das größte Potential für die ÖBB: Mit gezielten Maßnahmen entlang der sechs Stoßrichtungen der ÖBB Klimaschutzstrategie können die Emissionen im österreichischen Verkehrssektor rasch und nachhaltig reduziert werden. Die ÖBB sind ein wesentlicher Teil der Klimalösung. Klimaschutz ist aber auch gleichzeitig Teil einer natürlichen Wachstumsstrategie unseres Konzerns. Das Zusammenwirken von Klimaschutz und neuen Technologien ist die größte Chance der Bahnen. Das müssen wir jetzt unbedingt richtig machen und dürfen diesen Zug nicht verpassen!

Wie sieht Ihre persönliche Mobilitätsvision für das Jahr 2050 aus?

Das System Bahn hat eine große Stärke, die aber auch seine Schwäche ist: Die Beförderung großer Mengen an Personen und Gütern mit hoher Kapazität. In meiner Vision 2050 gelingt es, durch neue Technologie voll automatisiert Züge mit kleineren Gefäßgrößen aus den Regionen in Knoten zu verbinden und mit hoher Geschwindigkeit zum nächsten Knoten zu befördern. Dort teilen sich diese Züge wieder und bewältigen autonom die jeweilige letzte Meile.
Mehr noch ein Ziel als eine Vision wäre: 50 % Modal Split* für die Bahn bis 2050. Das bedeutet dennoch, dass jedes Transportmittel sein ideales Einsatzgebiet bekommt. Langstreckenflüge werden wohl noch lange alternativenlos bleiben, aber solche Flüge sollten irgendwann mit E-Fuels möglich sein. In meiner Vision ist aber klar: Alle Verbindungen in Europa unter 1.000 km werden im Jahr 2050 ausschließlich mit der Bahn effizient, komfortabel und ökologisch erledigt!
In Zukunft sollten wir das Selbstverständnis haben, dass Bahnfahren das „logischste,“ attraktivste als auch ökologischste Verkehrsmittel der Welt ist!

*Modal Split wird in der Verkehrsstatistik die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel (Modi) genannt. 

Über Mark Topal 

Mark Topal arbeitet seit 15 Jahren bei den ÖBB. Aktuell ist er Leiter der Abteilung Systemtechnik und Konzernproduktion in der ÖBB-Holding-AG. Mit seinem Team entwickelt er Strategien für den Einsatz neuer Technologien, die Sicherheitskultur, das Pünktlichkeitsmanagement und den Klimaschutz.