Gleisgeschichten: Thomas und der Bann der Bahn

24. 02. 2026

Als man noch Prunkmappen zum Dienstjubiläum oder zur Projektfertigstellung bekam – die neue Gleisgeschichte „Thomas und der Bann der Bahn“ zeigt uns einige Schätze aus 200 Jahren Eisenbahngeschichte.  

Wer das Technische Museum Wien (TMW) besucht, erlebt die Geschichte von Technik und Mobilität hautnah. Doch ein großer Teil der Schätze des Museums liegt nicht in den Ausstellungshallen, sondern gut geschützt in einem Depot am Rande Wiens. Dort lagern rund 5.000 dreidimensionale Eisenbahnobjekte, 750 Laufmeter Archivgut, darunter 300 Eisenbahnmedaillen, sowie 140.000 Bildmotive, Skizzen, Pläne und Prunkmappen – ein gewaltiger Fundus, der die österreichische Eisenbahngeschichte in all ihren Facetten dokumentiert.

Für Thomas Winkler, Kustos für spurgebundenen Verkehr am Technischen Museum Wien, ist dieses Depot ein Ort voller Geschichten. Er ist verantwortlich für „alle Sammlungsgegenstände, die mit einem Verkehrsmittel zu tun haben, das man fahren, aber nicht lenken kann“. Als er gemeinsam mit Archivarin Bettina Jernej die Ausstellung „Faszination Bahn“ kuratierte, war schnell klar: Die 200-jährige Geschichte der Eisenbahn lässt sich am besten anhand jener Objekte erzählen, die sie selbst geprägt haben.

Eine lebenslange Leidenschaft

Thomas’ eigene Begeisterung für die Eisenbahn begann – wie bei vielen – schon als Kind. Gemeinsam mit seinem Vater und Bruder stand er am Wiener Westbahnhof, beobachtete das geschäftige Treiben und tauchte immer tiefer in die Welt der Technik ein. Später führte ihn sein Weg als Elektrotechniker beruflich dorthin zurück. „Die Eisenbahn ist ein hochkomplexes System, das technische, organisatorische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche verbindet“, erzählt er beim Rundgang durch das Depot.

Lieblingsstücke und die Aura des Originals

Zwischen leeren Transportkisten, einem Stickstoffzelt zur schonenden Schädlingsbekämpfung und meterhohen Regalen stehen Modelle und Originalteile, die nur selten jemand zu Gesicht bekommt. Ein Modell eines Kohlewagens hat es nicht in die Ausstellung geschafft – anders als das imposante 600 Kilogramm schwere Modell der Wiener Stadtbahn im Maßstab 1:5, das Besucherinnen und Besucher gleich beim Eintritt empfängt.

Thomas’ persönliches Lieblingsstück ist eine dieselelektrische Streckenlokomotive im „American Style“ aus dem Jahr 1952. Sie stammt von Friedrich Lorenzi, einem Scherenschleifer, der nach Feierabend detailverliebte Eisenbahnmodelle baute. „Wir leben von der Aura des Originals“, sagt Thomas. „Mich faszinieren die ästhetisch schönen Lösungen des 19. Jahrhunderts, die nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch beeindruckend waren.“

Das TMW besitzt neben rund 60 Modellen auch 80 große Schienenfahrzeuge. „Elf davon stehen im Museum, der Rest ist auf private Museen verteilt – je nach Thema“, erklärt Thomas.

UNESCO-Weltdokumentenerbe und die Frage nach der Zukunft

Zu den wertvollsten Objekten im Depot zählen frühe Fotografien der Wien–Gloggnitzer Bahn aus 1842 sowie Notizbücher und Tuschezeichnungen zum Bau der Semmeringbahn. Diese Unterlagen gehören zu den 164 Objekten, die von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt wurden – ein eindrucksvoller Beleg für die historische Bedeutung der Eisenbahn in Österreich.

Während viele dieser Stücke längst Geschichte geschrieben haben, stellt sich für Thomas und Bettina täglich eine zentrale Frage: Was aus der Gegenwart soll für kommende Generationen bewahrt werden? „Wir überlegen, was Menschen in 50 oder 100 Jahren faszinieren könnte“, sagt Thomas. Denn die Zeit bleibt nicht stehen – anders als die Mutteruhr des alten Südbahnhofs, die bis 1968 alle Bahnhofsuhren, sogar jene der Post, steuerte.

Ein Besuch, der die Zeit vergessen lässt

Ob im Depot oder in der Ausstellung „Faszination Bahn“ im Technischen Museum Wien – die Beschäftigung mit der Eisenbahngeschichte zieht Besucherinnen und Besucher unweigerlich in ihren Bann. Zwischen historischen Dokumenten, detailreichen Modellen und eindrucksvollen Originalfahrzeugen wird spürbar, wie sehr die Bahn technische Innovation, gesellschaftliche Entwicklung und persönliche Erinnerungen miteinander verknüpft. Wer sich darauf einlässt, entdeckt nicht nur die Geschichte eines Verkehrsmittels, sondern ein Stück österreichischer Identität, das bis heute nachwirkt.

Video: News on Video/ Markus Riedl