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Gleisgeschichten: Der verborgene Eisenbahnschatz im Grazer Schlossberg

28. 12. 2025

Ein Blick in die Tiefen des wohl größten Hobbykellers der Welt

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Wer durch die Straßen von Graz schlendert und den Blick zum berühmten Schlossberg erhebt, ahnt kaum, welch außergewöhnlicher Ort sich tief darunter verbirgt. Etwa 85 Meter unter der Erde – gemessen vom höchsten Punkt des Schlossbergs – liegt eine Location, die selbst Einheimischen kaum bekannt ist: das Grazer Montan- und Werksbahnmuseum, vermutlich das größte Eisenbahnmuseum der Welt auf 600 Millimeter Spur. 

Ein verborgenes Museum

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Doch warum kennt kaum jemand diesen Ort? Das ist eines jener Geschichten, die das Leben manchmal schreibt. Das Museum ist nach wie vor nicht öffentlich zugänglich, sondern fristet sein Dasein als – so scherzen die Museumsverein-Mitglieder selbst – wohl größter Hobbykeller der Welt. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der Vergangenheit: Seit dem schrecklichen Unglück von Kaprun im Jahr 2001 sind die Brandschutzvorschriften für derartige Anlagen verschärft worden. Für einen privaten Verein ist es schlichtweg unmöglich, die geforderten Brandschutzanlagen einzubauen oder zu finanzieren.

Von der Luftschutzanlage zum Eisenbahnparadies

Seinen Ursprung hat das Museum im Jahr 1943, als mit dem Bau einer Luftschutzstollenanlage begonnen wurde und Materialeisenbahnen auf 600 mm Spur den Abtransport des Ausbruchmaterials besorgten. Der mehrere Kilometer lange Stollen bot bis zum Kriegsende 1945 rund 40.000 Menschen Schutz. Nach dem Übersiedeln einer 1966 installierten Märchenbahn zum Schloßbergplatz entdeckten im Jahr 1983 eisenbahnbegeisterte Studenten die nunmehr freien Stollenbereiche und verwandelten sie Schritt für Schritt in ein unterirdisches Eisenbahnparadies. Ihre seit 1976 gesammelten Erfahrungen aus dem Bau einer überirdischen Feldbahn kamen ihnen dabei zugute. Seither wächst die einzigartige Sammlung stetig – getragen von der Vision, sie eines Tages der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

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Was die Sammlung so außergewöhnlich macht, ist vor allem die komplexe und fast drei Kilometer lange Gleisanlage, die das Herzstück des Museums ist. Auf ihr befinden sich rund 70 Lokomotiven sowie mehr als 300   Hunte und Spezialfahrzeuge Der Fahrweg weist über 70 Weichen auf. An besonderen Lokomotiven findet man Raritäten wie eine Deutz Benzollokomotive CV 12 aus 1918, die von Herrn Otto, auch als Erfinder des Viertaktmotors bekannt, konstruiert wurde und die eine der wenigen betriebsfähigen Loks dieses Typs ist. Weiters werden elektrisch betriebene Fahrdraht-, Diesel- und Akkuloks, sowie einePressluftlok der Type BVD35 im Betrieb vorgeführt.  

Auch für die Infrastruktur musste gesorgt werden: Beleuchtung, Signalanlagen, Strom- und Druckluftversorgung bis hin zu Grubentelefonen und WLAN sowie eine alle Bereiche abdeckende Alarmanlage wurden eingebaut. 

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Zu tun ist jedenfalls genug, um die zahlreichen Fahrzeuge im anspruchsvollen Stollenklima in Betrieb zu halten oder zu restaurieren – dabei greift die Jugend den „alten Hasen“ tatkräftig unter die Arme: So entsteht eine besondere Dynamik, bei der Erfahrung auf frischen Elan trifft. 

Hereinspaziert?

Die Nachfrage nach einem Besuch ist groß: Aus ganz Österreich und auch aus dem Ausland wollen Gruppen nach Graz reisen, um einen Blick in die Unterwelt des Schlossbergs zu werfen. Möglich ist dies jedoch nur in Ausnahmefällen – für Kleingruppen und gegen Unterschrift. Nachdem viele Vereinsmitglieder berufstätig sind, müssen Woche für Woche Anfragen abgewiesen werden – ein trauriger Zustand, der zeigt, wie wichtig eine Aufwertung als öffentliches Museum wäre. Das Ziel der Vereinsmitglieder ist klar: 2026 wagen sie einen weiteren Anlauf, um ihr Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bis es so weit ist, bleibt der Schlossberg nicht nur das Wahrzeichen von Graz, sondern auch das geheime Zuhause eines Museums, das seit 1983 darauf wartet, von der Öffentlichkeit entdeckt zu werden. 

Spoiler: An alle die (nun) im Bann der Bahn sind: Die nächste Gleisgeschichte drehen wir im Technischen Museum Wien, wo eine Sonderausstellung zu „200 Jahre Eisenbahn“ auf uns wartet.  

 

Fotos: Markus Riedl/News on Video