Leben am Limit – mit Erfolg

01. 10. 2020

Der Sakerfalke – eine besonders bedrohte Vogelart – bevorzugt fürs Brüten ungestörte Plätze.

Um die Population in Österreich zu unterstützen, wurden gemeinsam mit unabhängigen ExpertInnen der Vogelwarte an der Vetmeduni Vienna, geeignete Standorte für die Nisthilfen gesucht und auf den Strommasten der ÖBB in einer Höhe von 25 bis 30 Metern gefunden. So außergewöhnlich der Brutplatz ist, so spannend war auch die Aufgabe für unsere Lehrlinge der Lehrwerkstätte Floridsdorf. Sie fertigten nämlich die Nistkästen für die seltenen Sakerfalken an. Diese wurden im Anschluss fachmännisch montiert und von einem ExpertInnenteam der Österreichischen Vetmeduni Vienna rund um Dr. Richard Zink (Leiter der Außenstelle der Österreichischen Vogelwarte im niederösterreichischen Seebarn) begleitet wurde.

Interview mit Dr. Richard Zink, Vogelexperte an der Vogelwarte Standort Seebarn.

  • Was ist das Besondere am Sakerfalken?

Der Sakerfalke ist eine weltweit bedrohte Vogelart. Er lebt üblicherweise in zentralasiatischen Steppen, besiedelt aber auch in Europa „Agrar-Steppen“ wie z.B. im Burgenland und in Niederösterreich.

  • Warum ist er vom Aussterben bedroht?

Der Sakerfalke musste in den 70er Jahren massive Bestandseinbrüche hinnehmen. Damals zählte man nur noch etwa 3 Brutplätze in Österreich. Vielfach wurde der Art bis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgestellt, um die Jungvögel für Zwecke der Falknerei zu verwenden. Illegale Abschüsse, der Einsatz von Insektiziden wie DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) und der Verlust sicherer Brutplätze führten schließlich fast zum Aussterben der Sakerfalken in der Alpenrepublik.

  • In welchen Regionen ist der Sakerfalke noch heimisch?

In Europa leben die meisten Sakerfalken in den Agrarsteppen Ungarns und der Ukraine. Mittlerweile konnte die Österreichische Vogelwarte an der Vetmeduni Vienna in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Hochspannungsnetzbetreibern wie auch der ÖBB den Bestand etwa verzehnfachen. Heute brüten wieder rund 40 Sakerfalken-Paare in Niederösterreich und im Burgenland.

  • Was unterscheidet sie von anderen Falkenarten – warum ist ausgerechnet der Sakerfalke eine bedrohte Tierart?

Der Sakerfalke hat sich im Laufe der Evolution auf kleine und mittelgroße Säugetiere von der Maus bis zum Hamster spezialisiert. Gerade Ziesel und Hamster dürften früher wesentlicher Bestandteil der Nahrungspalette gewesen sein. Heute zählen beide selbst zu den bedrohten Arten, der Sakerfalke konnte sich neu orientieren und erbeutet nun vermehrt auch Straßentauben und andere (oft geschwächte) Vögel. Sakerfalken sind die größten aber seltensten Vertreter ihrer Familie in Österreich.

  • Ändern sie ihre Standorte?

Sakerfalken werden mit etwa 2-3 Jahren geschlechtsreif und begründen dann mit einem Partner ein Revier. Die Reviere werden je nach Nahrungsangebot im Winter teilweise verlassen. Dann überwintern die Vögel meistens im Mittelmeerraum. Zur Brut verteidigt das Paar alljährlich sein Revier, sodass ausreichend Nahrung zur Aufzucht der eigenen Jungen bleibt. Dementsprechend kann sich der Bestand nicht beliebig vermehren und nur eine begrenzte Anzahl von Sakerfalken findet in Österreich Platz zum Leben.

  • Wie viele Brutpaare gibt es noch in Österreich?

Seit einigen Jahren befassen sich die Österreichische Vogelwarte an der Vetmeduni Vienna und BirdLife mit der Erhebung der Sakerfalken-Bestände. Alljährlich werden nahezu 100% alle österreichischen Brutpaare engmaschig kontrolliert, die Jungvögel werden zu einem guten Teil markiert und ihre DNA wird in einer Datenbank gespeichert. Im Laufe des letzten Jahrzehnts konnte eine kontinuierliche Bestandszunahme verzeichnet werden, die sich nun abzuplatten beginnt (Sättigungseffekt). Heute leben in Österreich erfreulicherweise wieder 40 Sakerfalken-Paare, unser Land trägt damit eine Verantwortung für den Erhalt der weltweit bedrohten Art.

  • Wie nehmen die Falken die Nisthilfen der ÖBB an?

Die Falken bauen keine eigenen Nester, sondern verwenden Felsnischen oder Nester anderer Vogelarten zur Brut. Dass diese Tiere jetzt einen Teil der ÖBB-Infrastruktur nutzen können, ist dem perfekten Zusammenwirken von Mensch, Tier und Technik zu verdanken. Mit Hilfe der Österreichischen Vogelwarte konnten genau die richtigen Standorte identifiziert werden, die nun den Sakerfalken wieder Platz zur sicheren Brut bieten.

  • Ihr Fazit?

Der Aufwand der ÖBB Infrastruktur hat sich gelohnt – die Nisthilfen wurde in den letzten Jahren gleich von drei Sakerfalken-Paaren angenommen. Damit konnte die ÖBB Infra einer weltweit gefährdeten Vogelart, sichere Brutplätze schaffen. Mehr noch: keine einzige der montierten Nisthilfen wurde im Jahr 2019 NICHT angenommen. Alle Nistkästen wurden entweder von Turm- oder aber von den großen Verwandten – den Sakerfalken – genutzt!

Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es auch hier.